Der einzelne Mensch kann verbinden – aufbauen – verwandeln

Inhalte und Hörbeispiele aus dem Konzert mit Vortrag vom 7. März 2020 in Jena

 

Impulse zum Schöpferischen Tätigsein

 

Dieses Konzert mit Vortrag widmete ich der Förderung des Friedens unter Menschen und Völkern. Das Ziel war, Anregungen zur Entwicklung einer wirklich authentischen und aus dem Wesen des Einzelnen ganz selbstverständlich ausstrahlenden, sozusagen in jedem Wort und in jeder Handlung innewohnenden Haltung der Friedfertigkeit zu geben. Deshalb stellte ich ein sogenanntes schöpferisches Grundprinzip, das der Mensch anwenden kann, um neue, weisheitsvolle, Charakter bildende und somit Frieden stiftende Qualitäten bei sich heranzubilden, in die Mitte. Diese schöpferische Möglichkeit drückt sich in einem alten Mantra "Asato ma sat gamaya“ aus .

 

Zu Beginn lenkten wir mit Musik und Überlegungen die Aufmerksamkeit auf das Bild eines italienischen Künstlers, das Sie über diesem Artikel betrachten und durch einen Klick vergrößern können. Diese Wandmalerei ist insofern bemerkenswert, da die Strahlen nicht von der Sonne ausgehen, sondern von außen auf sie zu.

 

In einem nächsten Schritt erbauten wir die Vorstellung, dass der Mensch selbst der Ausgangspunkt eines Strahls ist und wie eine kleine Sonne lebensspendend und aufbauend für Andere wirkt.

 

Ist es möglich, dass der Mensch selbst in einen "Sonnenstatus" eintritt? Ja, das ist möglich. Wie es das Sonnenlicht gibt, das Tag für Tag die Erde berührt und dort alles Leben, alles Wachstum und die Farben hervorbringt, so ist es auch dem Menschen möglich, ein inneres Licht hervorzubringen. Er kann es durch eine schöpferische Aktivität, durch eine geeignete Bewusstseinsaktivität schaffen und licht und aufbauend oder lebensspendend wie die Sonne selbst wirken. Es ist dies ein regelrechter Lichtprozess, den der Mensch in Gang setzen kann.

 

In Bezug auf eine wirklich friedfertige Haltung des Menschen stellt sich die dringende Frage, was wir tun können, damit diese edle Eigenschaft authentisch ein Teil von uns wird, so dass wir sie ganz natürlich leben und ausstrahlen. Wie unangenehm oder missionarisch wirken lediglich aufgesetzte Haltungen!

 

Authentizität ist immer das Ergebnis einer aktiven Denktätigkeit zu einem Gedanken. Der Mensch besitzt die Bewusstseins- oder Seelenkraft des Denkens und damit die Fähigkeit, Gedanken zu denken und sie für die persönliche Sphäre in die Existenz, in die Lebendigkeit zu bringen. Am Anfang eines Strahls, der auf die Sonne zugeht (wie bei obigem Bild), muss man sich einen Menschen vorstellen, der intensiv einen Gedanken denkt.

 

Die ersten drei Hörbeispiele beschäftigen sich mit dem Wesen des Gedankens, mit der Idee von "Asato ma sat gamaya" und einigen Anwendungsideen für den Alltag. Das Hörbeispiel 4 zeigt den Versuch der musikalischen Gestaltung einer Komposition von J. S. Bach in Verbindung mit einem Gedanken Rudolf Steiners. Es folgt ein Text von Heinz Grill mit Fragen zum Thema "Wo lebt der freie und würdevolle Mensch, der zum Friedensstifter wird?" Das Denken an Andere ist eine weitere, sofort praktisch anwendbare Möglichkeit, wie der Mensch friedensstiftend und aufbauend tätig werden kann.

 

 


1 

Om Jagadishvara

 

OM jagadishvara sadapi cinmaya
jagadishvara vande
OM paripujita paratparatman paratparatman
anavaratam vande anavaratam vande anavaratam vande

 

Herr der Welten, ewig aus reinen Gedanken bestehend,
Herr der Welten, ich verbeuge mich vor Dir,
allerhöchstes verehrtes Selbst, allerhöchstes Selbst,
ewig verbeuge ich mich vor Dir.

 

Die erweiterte Übersetzung "ewig aus reinen Gedanken bestehend" von "sadapi cinmaya" ist sehr bemerkenswert. Sie verdeutlicht, welch große Dimension und verwandelndes Potential einem Gedanken innewohnt:

Ein reiner Gedanke gründet in einem höchsten Prinzip der Weltenschöpfung.

 

Wir werden später noch erwägen, wie ein reiner Gedanke charakterisiert werden könnte.



2 

Asato ma sat gamaya

(Vedisches Mantra, entstanden vor ca. 3000 Jahren)

 

Das alte Mantra drückt mit seiner ersten Zeile ein schöpferisches Grundprinzip aus, das der Mensch zur Anwendung bringen kann, um seinem Leben etwas Neues hinzuzufügen. Dazu muss die rein wörtliche Übersetzung gut durchdacht und in ihrer inneren Bedeutung für unsere Zeit erweitert interpretiert werden. Wörtlich übersetzt bedeutet das Mantra: Aus dem Nicht-Sein führe mich ins Sein.

 

In der Realität des Menschseins kommen geistige Kräfte dann in die Wirksamkeit, wenn der Mensch sie zum Eingreifen bringt bzw. das Seine tut, dass sie eingreifen können. Hierfür ist sehr entscheidend, dass der Mensch seine Seelenkraft des Denkens einsetzt. Er muss aktiv sein, er muss gedanklich vorbereiten, was er einmal als neue, edle Eigenschaft bei sich erreichen möchte.

 

Deswegen ist es naheliegend, die Aussage des Mantra direkt auf den Gedanken zu beziehen, sie so zu verstehen, dass der Gedanke selbst zu uns spricht:

"Führe mich für dich in eine persönliche reale Existenz."

 

Mit dem Publikum wurde dies erarbeitet und in ersten Schritten erprobt. Es war eindrücklich, wie die gemeinsame konkrete Vorstellungsarbeit zu der Form eines Kristalls nach relativ kurzer Zeit das Empfinden gab, dass dieser wie anwesend ist. Nicht physisch und sichtbar, aber als lebendiges Bild, als lebendige Vorstellung. Die Idee eines Kristalls existierte bereits vor der Übung und auf der Erde gibt es tausendfach Kristalle in geschliffener Form, doch erst durch unsere aktive Vorstellungstätigkeit wurde er in diesem Moment des Konzerts lebendig geschaffen. Die Gedanke eines Kristalls kam in das "sat", in das Sein, wohingegen er vorher für uns im Nicht-Sein (asat) war.

 

Ohne diese konkretisierende Interpretation und erweitert gedachte Bedeutung des Mantra wäre die Schöpferkraft des Menschen nicht angesprochen und herausgefordert. Der wörtlichen Übersetzung des Mantra folgend könnte der Mensch sich leicht in eine Haltung der Erwartung begeben und – passiv bleibend – auf das Eingreifen einer höheren Macht hoffen. Diese solle ihn aus dem Nicht-Sein in das Sein führen oder aus dem Dunkel in das Licht, aus dem Tod in die Unsterblichkeit, wie die weiteren Zeilen des Mantra aussagen.

 

Es ist durchaus erwähnenswert, dass religiöse Richtungen existieren, die der Schöpferkraft des Menschen feindlich gegenüberstehen. Die katholische Kirche war und ist hier beispiellos tätig. Über Jahrhunderte brachte sie es fertig, durch Indoktrination, Dogmen, Gewalt und Verdunkelung der seelisch-geistigen Realitäten dem Menschen das Vorhandensein einer realen schöpferischen Kraft abzusprechen. Nur auf diese Weise konnte sie ihre Institution auf derart machtvolle Weise installieren.

 

Ich vertrete die Ansicht, dass hier eine Lüge über das wahre Wesen des Menschen in die Welt gesetzt wurde. Und diese Lüge wird solange im Einzelnen wirken, bis er sie als solche erkannt hat. Lesen Sie dazu auch den Artikel in meinem Blog, der sich kritisch mit dem kirchlichen Menschenbild auseinandersetzt.

 

Das Mantra lautet in seinem gesamten Wortlaut:

 

asato ma sat gamaya
tamaso ma jyotir gamaya
mrtyor ma amrtam gamaya

 

Aus dem Nicht-Sein führe mich ins Sein
Aus dem Dunkel führe mich ins Licht
Aus dem Tod führe mich zur Unsterblichkeit



3 

Asato ma sat gamaya – Praktische Anwendung im Alltag

 

Wenn ich etwas vorbereitend denkend schaffe, dann kann ich jeglicher Tätigkeit eine eigenbestimmte Führung hinzufügen:

  • Besuch
    Was möchte ich mit dem Besuch erreichen? Was soll Thema sein?
  • Wanderung
    Beobachtung des Wetters, evtl. Vergleich mit vergangenen Beobachtungen.
  • Schwierige Arbeitssituation
    Es gibt Arbeitssituationen, bei denen viel vorgegeben ist und man im äußeren Ablauf scheinbar nur "funktioneren" muss, z. B. bei einer Arbeit am Fließband. Durch eine vorhergehende Überlegung kann ich mir ein eigenes Ziel für den Arbeitstag vornehmen, beispielsweise jemandem die Tätigkeit zu widmen oder Kollegen zu beobachten, wie sie die Arbeit bewältigen.
  • ...
Das sind nur wenige Beispiele. Ein vom Menschen in diesem Sinn gefasster und in die Existenz gerufener Gedanke würde jegliches Tun bereichern. Ein lebendiger Gedanke gibt auch Schutz davor, dass ich mitgerissen werde, mich verliere oder mich völlig verausgabe. Ein Gedanke begleitet mich still und schenkt mir ein leises freudiges Mitten-Empfinden. Gleichzeitig kann ich aus dieser Zentrierung heraus meine Aufmerksamkeit und mein Mitempfinden viel leichter nach außen geben. Die Wahrnehmungsfähigkeit zur Umwelt steigt durch einen vorhandenen Gedanken um ein Vielfaches.


4

Klassische Musik und imaginativer Gedanke

Versuch einer musikalischen Gestaltung mit einem Gedanken von Rudolf Steiner

 

Für einen Musiker stellt sich bei jedem Auftritt die Frage, was er mit einem Stück konkret ausdrücken bzw. gestalten möchte.

 

Johann Sebastian Bach (1685-1750) entwickelt das Thema des Präludiums seiner Partita in B-Dur vom Grundton B ausgehend nach oben bis zur Oktave. Dieser obere achte Ton trägt den gleichen Namen B, ist aber im Zusammenklang deutlich eigenständig zu hören und vom Grundton zu unterscheiden. Beide Töne klingen sehr harmonisch und sehr rein zueinander. Man kann konstatieren:

Der Ausgangston findet sich nach acht Schritten wieder.

 

Rudolf Steiner (1861-1925) geht davon aus, dass sich auch ein Mensch im Anderen wiederfinden kann. In der 3. Strophe eines Gedichts drückt er aus: "Im Menschen sich schauen" und misst dieser Qualität des Menschen einen enormen Wert bei: Dies würde Welten erbauen. Er benennt dies an anderer Stelle als eine "Oktavempfindung", die zwar nicht schnellfertig, aber dennoch von jedem Menschen durch Schulung errungen werden kann.

 

Die einzelnen Schritte dieser Schulung sind erst einmal noch unklar und doch kann dieser Gedanke bei der Interpretation der Bach-Partita in B-Dur führend bleiben:
Wie sich ein Ton in der Oktave wiederfindet, so kann sich auch der Mensch im Anderen schauen und dies wird Welten erbauen.

 

Im Konzert kamen die ersten 3 Sätze der Partita von Bach zu Gehör:

Präludium, Allemande und Corrente.

 

Gedicht von Rudolf Steiner:

 

Dem Stoff sich verschreiben, heißt Seelen zerreiben
Im Geiste sich finden, heißt Menschen verbinden
Im Menschen sich schauen, heißt Welten erbauen

 

(Quelle: Rudolf Steiner, GA 308, Fünfter Vortrag vom 11. April 1924)


5

Das folgende Gedicht von Heinz Grill richtet sich mit den Fragen unmittelbar an den einzelnen Menschen. In den drei Absätzen werden das Denken, das Fühlen und das Wollen angesprochen.

 

Im Sinne des besprochenen schöpferischen Grundprinzips "Asato ma sat gamaya" bieten die Fragen wertvolle, vielfältige Inhalte für eine eigene Denktätigkeit.

 

Jener erste Schrit, eine ausgewählte Frage zuerst einmal zu denken und sie denkend richtiggehend in die Existenz zu rufen, sie wie mit Buchstaben vor sich in den Raum geschrieben zu erschaffen, erscheint mir sehr essentiell. Wie könnte mir eine Antwort auf eine Frage entgegenkommen, wenn ich sie vorher nicht wirklich gestellt und in das "sat",  in das Sein geführt habe?

 

 

Wo lebt der freie und würdevolle Mensch,
der zum Friedensstifter wird?

Denke ich wirklich den Frieden unter Menschen und Staaten in seiner idealsten Vorzüglichkeit? Ersinne ich die friedvolle Kultur in tatsächlicher Ernsthaftigkeit
und Klarheit oder träume ich nur in schönen Erwartungshoffnungen?

Mutet es meinem Herz an und wagt es tatsächlich ein friedvolles und inhaltsreiches Wirken in der Welt als Realität zu manifestieren? Wohin strebt die Gabe meiner dürstenden Seele? Gleitet sie in den Schicksalslauf der Emotionen oder erhebt
sie sich zu einem aufrichtigen, empathischen Fühlen?

Existiert ein tiefster Wille in meinem Wesen, der unaufhörlich nach dem freien und würdevollen Menschen strebt, der mit unersättlichem Hunger seine mutige Moralität und ästhetische Vision zu erfüllen sucht? Bevorzuge ich die Privilegien der gegenwärtigen Staatssysteme mehr als das profunde Rechtsleben
und die Würde des Menschen?

Wo lebt der freie und würdevolle Mensch, der zum Friedensstifter wird?

 


Bemerkung zum Autor des Gedichts:


Heinz Grill (*1960) lebt in Italien und ist bekannt als Autor, Referent und Kletterer. Von ihm gibt es ein sehr umfangreiches Werk in deutscher Sprache zu verschiedenen Fachgebieten: Yoga, Ernährung, Medizin, Pädagogik, Geistige Entwicklung des Menschen, Gestaltung des menschlichen Miteinanders und andere.  Auf dem Gebiet des Yoga leistet er bis zum heutigen Tag eine bemerkenswerte Pionierarbeit, in dem er zu den vorhandenen Übungen des Hatha-Yoga neue Interpretationen und Imaginationen entwickelt. Was ist eine Imagination?

Eine vorsichtige Antwort möchte ich mit dem Hinweis einleiten, dass eine Imagination ein Gedanke ist, der aus unmittelbarer Erfahrung und Anschauung zum jeweiligen Thema geboren ist. Man könnte sagen, eine Imagination beschreibt das Bild einer Sache aus deren sinnlich verborgenem oder metaphysischem Urgrund. Imaginationen könnten als edle und weisheitsvolle Gedanken bezeichnet werden, die auch den seelisch-geistigen Aspekten einer Sache gerecht werden.

Man darf eine Imagination einen "reinen Gedanken" nennen, der von Projektionen, Absichten oder Schwärmereien sozusagen "frei geschält" ist.

 

Gedanken von Heinz Grill erachte ich als eine empfehlenswerte Grundlage zur eigenen schöpferischen Auseinandersetzung, da sie in diesem Sinne als imaginativ bezeichnet werden können. Ich kenne ihn persönlich und weiß um seine große Sorgfalt in der geistigen Forschungsarbeit und um seine außergewöhnlich gut entwickelte Kraft zur Konzentration und Unterscheidung.


6

Denken an Andere – Julian Assange

 

An Andere zu denken, ist eine unmittelbar praktisch anwendbare Möglichkeit, wie der Mensch friedensstiftend und aufbauend tätig werden kann.

 

Ganz konkret möchte ich die Aufmerksamkeit für 5 Minuten auf Julian Assange lenken. Er ist für mich ein sehr mutiger Mensch. Sein Einsatz galt und gilt einem freien, der Wahrheit verpflichteten Journalismus.

Free Julian Assange
(Quelle: Wikimedia Commons)

Wie man auch immer zu ihm stehen mag – die Meinungen sind sehr unterschiedlich – die Auswirkungen der Isolationshaft und sein Gesundheitszustand geben Anlass zu großer Sorge. Ich stehe dafür, dass er umgehend aus der Haft entlassen wird. Er braucht unbedingt einen Aufbau der körperlichen und psychischen Verfassung sowie seiner Lebenskräfte. Ich erachte diesen Schritt als Mindestbasis für eine angemessene Verteidigung in seinem Auslieferungsverfahren.

 

Im Konzert spielte ich für ihn ein Stück aus dem Film "Gladiator":

Now we are free
Komponist: Hans Zimmer
Arr. für Klavier: Patrik Pietschmann


25. März 2020, Robert Lindermayr



Aktuell


Inhalte und Hörbeispiele aus meinem Konzert mit Vortrag vom 7. März 2020 in Jena-Lobeda sind nun online.


Meine Yogakurse sind bis einschließlich 19. April 2020 ausgesetzt. Für Fragen oder Anregungen zu Ihrer eigenen Yogapraxis stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung.

 


Blogbeitrag vom 11. Juli 2019

 

In der SZ erschien am 13./14. April 2019  ein Artikel über Heinz Grill mit dem Titel "Der Guru". Da ich in diesen 3 Seiten so deutlich die mir bekannte Handschrift der kath. Kirche identifiziert habe, war es für mich lohnend, das jeweils zugrunde gelegte Menschenbild der Kirche und des sogenannten "Guru" näher zu beleuchten:

 

"Das Bild des freien schöpferischen Menschen – Konflikt mit der Kirche unausweichlich!"



 

Robert Lindermayr

Jena

Tel.: 0163-3420683